Willkommenskultur? Vielleicht einfach Humanismus

Für die enorme Bereitschaft so vieler Menschen den Flüchtlingen in diesem Land zu helfen ist ein spezieller Begriff geschaffen worden, die Willkommenskultur. Auf einer Abendveranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin Mitte September sagte Michel Friedman sehr treffend, wenn diese Hilfe nicht ein Affekt bleiben soll, sondern nachhaltig wirken möge, dann brauche dieses Land schlicht Humanismus.

Gerade geistert der Vorschlag des Innenministers durch das Land, auf der Grundlage eines europäischen Asylrechts, die Aufnahme von Flüchtlingen zu begrenzen, auch wenn ein Asylgrund bestünde. Europa solle nur so viele Flüchtlinge aufnehmen, wie es verkraften könne.

1938, ein Jahr vor Ausbruch des 2. Weltkriegs hat bei der Weltgemeinschaft, vor allem in Europa schon einmal der Humanismus völlig versagt.

Auf der Flüchtlingskonferenz von Evian sollte abgestimmt werden, welche Länder wie viele verfolgte Juden aus Deutschland und Österreich aufnehmen wollen.

Die Konferenz von Evian gilt als einer der beschämendsten Höhepunkte der Appeasementpolitik gegenüber Adolf Hitler. Die bedrängten Juden waren nirgendwo erwünscht. Kein Staat lockerte die Aufnahmebedingungen, fast niemand war bereit, seine Einwandererquote zu erhöhen.  Der „Völkische Beobachter schrieb: „Deutschland biete der Welt seine Juden an, aber keiner wolle sie haben“.

Golda Meïr, die spätere israelische Ministerpräsidentin schrieb über die Konferenz: „Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich Leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. […] Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ‚Zahlen‘ menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen.

Das deutsche Asylrecht im Grundgesetz war aus den Erfahrungen der Nazizeit entstanden, es war schon ein Skandal, es in den 90er Jahren zu verschlechtern. Es jetzt weiter schleifen zu wollen ist inhuman.

Zum Bild: Mehr als 900 jüdische Flüchtlinge verließen am 13. Mai 1939 an Bord der St. Louis den Hamburger Hafen. Doch ihre Reise wird zu einer Irrfahrt. Als das Schiff am 27. Mai in Havanna ankommt, verweigert ihnen die kubanische Regierung die Einreise. Nur 29 Passagiere dürfen an Land gehen, die Visa der übrigen Passagiere werden von der Regierung nicht anerkannt.

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/St._Louis_(Schiff)