»Verachtet mir die Meister nicht«

Gewiss, es waren keineswegs nur Mitglieder der US-amerikanischen weißen Arbeiterklasse, die Donald Trump an die Macht gebracht haben. Und doch waren es auch und nicht zuletzt eben jene Arbeiter und Arbeitslosen – und genau hier liegt das eigentliche Erschrecken für die Linke: Mit Trumps historischem Erfolg und dem jedenfalls nicht völlig chancenlosen Vorhaben Marine Le Pens, französische Präsidentin zu werden, wird deutlich, dass wesentliche Teile nicht nur der industriellen Arbeiterschaft ihr Heil heute nicht mehr in sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien suchen, sondern eben in rechten, sprich: in abgeschotteten Nationalstaaten, in Fremdenfeindlichkeit und Protektionismus. (aus: »Blätter« 1/2017, Seite 56-62)

Link zum Artikel von Brumlik, hier:

Beitrag von Dieter Storck zu: „Vom Proletariat zum Pöbel: Das neue reaktionäre Subjekt“ von Micha Brumlik in den Blättern 1/2017

DIE SCHUSTER

(mit fliegender Fahne aufziehend)

Sankt Krispin,

lobet ihn!

War gar ein heilig Mann,

zeigt‹, was ein Schuster kann.

Die Armen hatten gute Zeit,

macht‹ ihnen warme Schuh‹;

und wenn ihm keiner ›s Leder leiht,

so stahl er sich’s dazu.

Der Schuster hat ein weit Gewissen,

macht Schuhe selbst mit Hindernissen;

und ist vom Gerber das Fell erst weg,

dann streck‹! streck‹! streck‹!

Leder taugt nur am rechten Fleck.“

(Auszug Libretto „Die Meistersinger von Nürnberg“, Richard Wagner)

In der Nr. 1/2017 der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ veröffentlicht Micha Brumlik einen Artikel mit der (sicher provozierend gemeinten) Überschrift: „Vom Proletariat zum Pöbel: Das neue reaktionäre Subjekt“. Offensichtlich verstört besonders durch das Wahlergebnis Donald Trumps in den USA kommt der Autor zu folgendem Ergebnis: »Somit signalisiert Trumps Sieg das diesmal wirklich unwiderrufliche Ende einer politischen Utopie, die kein geringerer als Karl Marx vor gut 150 Jahren verkündet hat.« (S.56)

Was ist gemeint? Das Proletariat, die Arbeiterklasse, die Arbeiterschicht – so ganz sicher ist sich Brumlik nicht, wie er das Objekt seiner Enttäuschung nennen soll – in den USA hat Trump gewählt und ist damit als revolutionäres Subjekt erledigt. Und wo er gerade dabei ist das Revolutionskind mit dem amerikanischen Bade auszuschütten noch kurz der Hinweis auf Frankreich, wo die Arbeiter nicht mehr kommunistisch wählen, sondern FN und auf Deutschland, wo die AfD in Mannheim Direktmandate in Arbeiterbezirken gewinnt und auf Baden-Württemberg, wo Gewerkschafter AfD wählen und auf Sachsen, wo viele Arbeiter und Arbeitslose diese Partei gewählt haben.

Enttäuschte Liebe kann echt tragisch sein – wobei mich allerdings etwas überrascht, dass der Autor diese Liebe noch so intensiv verspürt. Da wir ja angeblich in Post-Faktischen  Zeiten leben doch ein paar grobe Fakten: Die AfD ist weder von der Zusammensetzung der Mitgliedschaft (schon gar nicht des Führungspersonals), noch der Wählerschaft, noch des Programms eine „Arbeiterpartei“. Aber vor allem: Wenn es denn um die „Arbeiterschicht“, die wohl auch bei Brumlik die Angestellten mit einschließt, geht, haben alle anderen Parteien von LINKE bis FDP mehr „Arbeiterwähler“ als die AfD. Und für die USA gibt es Zahlen (Durchschnittseinkommen Trump-Wähler zumindest in einigen US-Staaten höher als bei Clinton-Wählern) die erkennen lassen, dass eben nicht bloß die Armen und Abgehängten der Globalisierung Trump gewählt haben – sondern gerade auch seine Klassengenossen und deren (sozialökonomische) Anhängsel. Wie viel das Beispiel USA uns für die Marxsche Klassentheorie überhaupt sagt, lasse ich mal dahingestellt. Um aber keine Irritationen aufkommen zu lassen: In der Tat, es gibt Arbeiter, die rechte / rechtsradikale Parteien wählen – hier und wo anders. Und es sind wohl mehr geworden. Aber gerade „hier“ ist der Verweis auf Anhänger und Wählerchaft der NSDAP aus der Arbeiterklasse mehr als geboten: Nicht Trump wäre also der Anlass nach Brumliks Logik Marx und Engels in den Orkus zu schicken, sondern schon Hitler. Und das wäre doch ein wenig verfrüht.arbeiter

Nun aber zum Kern: Das Proletariat ist nicht mehr revolutionär, es hat sich eingerichtet und ist offen für das Bündnis („mächtige Koalition“) mit anderen Schichten und „…trägt den aktuellen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus“ (S.60/61). Nun ist es ja richtig, dass sich mit dem von Brumlik verwendete Zitat (S.56) aus dem Kommunistischen Manifest belegen läßt, dass Marx und Engels den Sieg des Proletariats für  „unvermeidlich“ hielten – ein offensichtlicher Irrtum. Aber es gibt auch die interessanteren Stellen wo es (ich glaube in den Marxschen „Frühschriften“) um die Frage „Klasse an sich und für sich“ geht. (Peter Weiss greift das später sinngemäß so auf: Nur wer im Sinne des gesellschaftlichen Fortschritts agiert gehört auch zu diesem Lager – nicht aber wer nur dazu gehöre per ökonomischer Definition.) Und das ist ja die heutige Realität: Keine Arbeiterklasse, die sich an der revolutionären Umgestaltung übt, sondern eine Mitte der Gesellschaft, die neben 10 % AfD Wähler, je 10% LINKE und Grüne, 20% SPD und, ja, auch 30% CDU Wähler hervorbringt und jede Menge Nicht-Wähler (jüngste ca. Prognose kommende Bundestagswahl).

Das mag den Autor enttäuschen, öffnet aber Möglichkeiten – siehe Gramsci. Nun kann man damit unzufrieden sein: „..dass…der demokratische Sozialstaat das Beste ist, was die von Marx … zum revolutionären Subjekt erkorene Arbeiterschaft welthistorisch erreichen konnte… .“ (S.62), aber immerhin. Wäre es nicht notwendig, diesen zu verteidigen wo es ihn noch (teilweise) gibt und natürlich weiter zu entwickeln bzw. dort zu erringen, wo es ihn nicht gibt? Und glaubt der Autor wirklich, dass dies ohne die Arbeiterklasse in ihrer real existierenden Form möglich sein wird? Nur gilt es sich dabei von aller Revolutionsromantik und -rhetorik frei zu machen. Gerade wir als DIE LINKE, wenn wir uns (in Westdeutschland) nicht weiter isolieren wollen. Wenn auch nicht mit fliegenden (roten) Fahnen, so sollten wir es doch schaffen zu zeigen „…was ein Schuster kann“. Für Arme gute Zeiten, und warme Schuhe, geholt von denen, die es überreichlich haben. Und ganz zum Schluss bin ich dann mit Brumlik wieder einig, wenn er das „Prinzip der Würde des Menschen“ als „Kompass einer aufgeklärten Linken“ (S.62) beschreibt.

Warum man dazu allerdings Adieu zu Marx und Engels sagen soll, erschließt sich mir nicht. Im Gegenteil! Es geht um die auf die gesellschaftliche Realität angepasste Nutzung der Vorschläge die Marx, Engels usw. gemacht haben. Wer das nicht tun will, sei es als Linksradikaler oder, wie Brumlik, als Verächter nicht nur der Klassiker, sondern auch der Arbeiterschaft als Teil der Mitte der Gesellschaft und entscheidender Kohorte für die Verteidigung des Sozialstaates, wird scheitern. Und nicht nur dabei. Das angestrebte  gesellschaftliche roll back der Rechtspopulisten und Rechtsradikalen in Bildung, Kultur usw. werden wir mit einer „aufgeklärten Linken“ (S.62) allein sicher auch nicht stoppen.

Dieter Storck, 03.01.17

1 Kommentar zu "»Verachtet mir die Meister nicht«"

  1. Michael Riese | 9. Januar 2017 um 8:48 |

    Lieber Dieter, viel interessanter als die Frage, ob bei Brumlik enttäuschte Liebe zu was auch immer formuliert wird, ist doch, welche gesellschaftlichen Kräfte tragen den Rechtsnationalismus und warum?

    Brumlik bemerkt richtig, dass es mitnichten die Arbeiterschichten alleine seien, aber eben auch diese und das als als massenhaftes Phänomen. Und Brumlik deutet auch an, dass dies den »alten Meistern« keine unbekannte Erscheinung war.

    Im 18. Brumaire untersucht Marx den Staatsstreich des Louis Bonaparte gegen die staatlichen Institutionen und das Parlament und die »Massen«, die diesen Staatsstreich gegen die Demokratie möglich gemacht haben. Marx kreierte für die sozialen Träger und Nutznießer dieser politischen Reaktion die Schichten des Lumpenproletariats und der Boheme. In späteren Jahren haben Thalheimer und Bauer, wohl auch Gramci den aufkommenden Faschismus mit Aspekten der Bonapartismustheorien zu erklären versucht. Auch hier ging es darum, dass weite Teile des Volkes, einschließlich der Arbeiterschaft aktiv den Faschismus unterstützen.

    So abwegig mag es nicht sein, sich auch bei der Analyse gegenwärtiger Entwicklungen mit dem Bonapartismus näher zu beschäftigen. Die ungarische Philosophin Agnes Heller schätz beispielsweise das Orban-Regime als zutiefst bonapartistisch ein.

    So gesehen hat Brumlik recht, wenn er in seinem Artikel auf Marx und den Bonapartismus Bezug nimmt. Er hat auch recht, wenn er auf Erkenntnisse der kritischen Theorie verweist, wenn es um die Erklärung autoritärer Systeme geht. Zugegeben, er macht das alles flott und in einigen Nebensätzen, aber immerhin.

    Von einer »Verachtung der alten Meister« kann gar nicht die Rede sein. Sie hatten schon einiges für uns im Köcher, mit dem man sich nun etwas genauer beschäftigen sollte.

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