Über Kinderkrankheiten in Hamburg und anders wo

Beitrag von Dieter Storck

In einem Interview mit der TAZ vom 13.07.17 (Artikel) äußert sich Emily Laquer (E.L.), Sprecherin der Interventionistischen Linken, zu den Ereignissen in Hamburg rund um den G20 Gipfel. Da ich auch in den letzten Tagen, anders als andere, kein Experte für Polizeitaktik geworden bin, will ich mich auch nicht zu den Teilen des Interviews äußern in denen E. L. ihre Meinung dazu darlegt. Mir geht es um die Auseinandersetzung mit den politischen Bewertungen die sie im Interview vornimmt. Eine Bewertung, die offensichtlich im linksradikalen Lager keine Einzelmeinung ist, wie diese Einladung aus Frankfurt belegt:

„Einladung zum offenen Auswertungstreffen…. G20 ist vorbei. Es waren Tage voller Polizeigewalt, die einen Ausblick auf eine autoritäre Zukunft haben aufscheinen lassen. Aber auch Tage, in denen wir Hoffnung geschöpft haben, weil wir mit vielen der Repression der Herrschenden etwas entgegengesetzt haben, in denen wir zusammengerückt sind und uns die Straße zurückgeholt haben. … Mit dabei sind Aktive aus den AntiRep_Ffm-Strukturen.“

Über große Erfolge: Der G20 Gipfel sei eine „Niederlage“ für Merkel und Scholz gewesen. So. E.L. Durch den Ausnahmezustand sei er „delegitimiert“ und nun würde versucht, durch schlechtes sprechen und schreiben über die Krawalle die großen Erfolge den „Leuten die in Hamburg auf der Straße waren“ auszureden. Worin soll die „Niederlage“ denn bitte bestehen? Hat der Gipfel nicht stattgefunden, weil die Hamburger BürgerInnen ihn verhindert haben? Hat es vor Ort massenhafte Solidarisierungen mit den unterschiedlichen, nennen wir es, Protestformen, gegeben? Rollt ein Sturm des Protestes durch alle Teile der Bevölkerung, weil von der Schließung autonomer Zentren die Rede war? Hat sich der Protest gegen die Politik der G20 in der Tiefe und Breite verändert? Sind die Herrschenden wirklich „delegitimiert“ worden? Nein. Ich denke eher, dass AutobesitzerInnen und Inhaber kleiner Geschäfte, nicht nur in Hamburg, sich mit Forderungen für die Einschränkung der Demonstrationsfreiheit, wegen persönlicher Betroffenheit, eher einverstanden finden, als dass sie jetzt mit den Forderungen der G20 GegnerInnen sympathisieren

Vom „Aufstand der Hoffnung“: Tatsächlich verwendet E.L. den Begriff „Aufstand“. Und da wird’s nun nahezu albern. Wo bitte war der Aufstand? Weil in ein paar Straßen Hamburgs für ein paar Stunden Randalierer von der Polizei allein gelassen wurden? (An der Stelle sei an den Hamburger Aufstand von 1923 erinnert. Das war ein Aufstand, auch wenn er kläglich scheiterte.) Und wo war bitte die „Hoffnung“? Wahrscheinlich dort, wo die Leute hofften, dass ihr Auto nicht abbrennt und sie morgen zur Arbeit laufen müssen, die Kinder zu Fuß zur KITA bringen dürfen oder der Laden verwüstet ist und die Familieneinnahmen für die Woche weg sind.

Über das „nicht distanzieren“: „Nein, wir distanzieren uns nicht.“, so E.L., aber sie „kritisiere“ Aktionen, die sich nicht gegen den Gipfel, sondern die Menschen gerichtet haben. Also mit Verlaub, das ist Wortklauberei. Da trifft es in ihrer Eindeutigkeit die Formulierung eines Vertreters der Roten Flora der von „sinnfreier Gewalt“ sprach genau. Und sinnfrei heißt ja wohl auch letztlich unpolitisch (vielleicht nicht im Kopf der „Aktivisten“, aber in der Realität schon). Aber das muss die Sprecherin der E.L. ja wohl anders sehen. Offensichtlich reichen bestimmte Aktionsformen, damit man sich als ordentliche Linksradikale nicht distanziert.

Vom „rebellischen Willen“: Den bemüht E.L. auch noch. Er habe durchgesetzt, dass man in Deutschland noch auf die Straße gehen kann – trotz Polizeigewalt. Den Älteren unter den LeserInnen ist sicher noch der Kommunistischen Bund Nord mit seiner Faschisierungstheorie in Erinnerung, wenn er das ließt. Und so wie damals beim KB ist es auch heute ziemlicher Quatsch zu behaupten, man könne in Deutschland nicht demonstrieren und in Hamburg hätte man sich das Recht dazu zurückerkämpft. (Was mögen da Oppositionelle in Russland und der Türkei denken?) Als Frankfurter könnte ich in der Saison im Schnitt 1x pro Woche demonstrieren. Aber vielleicht geht es ja darum, dass eine anständige Demo zwingend das austoben „sinnfreier Gewalt“ beinhalten muss, wenn sie auf der linksradikalen Scala was zählen soll.

Das Fazit: Streicht man Selbstüberschätzung, Eitelkeit und Eigenlob, kombiniert mit einer völligen Fehleinschätzung welche positive politische Wirkung die Krawalle rund um den G20 Gipfel gehabt hätten, aus dem Interview von E.L. – bleibt nichts an Substanz. Ein treffendes Beispiel für das, was Tom Strohschneider einige Tage vor dem Gipfel in Hamburg im ND kritisierte, als er anfragte, ob statt der Fixierung auf Termine, die die Anderen setzen, die Kleinarbeit aller Orten zur Verbreitung von Protest und Widerstand nicht wirkungsvoller sei. Aber ich fürchte, dazu fehlt und fehlte es den alten und neuen Linksradikalen an Ausdauer und vor allem an Bereitschaft das eigene kleine politische Milieu zu überschreiten. Um so erstaunlicher, dass einige in unserer Partei und in ihr nahestehenden Bildungsinstitutionen tatsächlich meinen, dass, wenn sie bei E.L. und ihren FreundenInnen andocken, sie ganz nahe an irgendwelchen Bewegungen sind.

Lassen wir zum Schluss noch den Genossen Trotzki zu Wort kommen aus seinem Vorort zur polnischen Ausgabe von Lenins »Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus«: „Lenin verdammt das formelle »Linkstum«, den Radikalismus der Geste und der Phrase, und verteidigt zugleich mit nicht geringerer Leidenschaft die wirklich revolutionäre Unversöhnlichkeit der Klassenpolitik.“