Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf (Tucholsky)

Diskussionsbeitrag von Michael Riese

Im Herbst dieses Jahres wird in Hessen der neue Landtag gewählt. Auch die LINKE bereitet jetzt ihren Wahlkampf vor, einen Entwurf des Wahlprogramms hat der Landesvorstand vorgelegt. Auf dem Parteitag im März wird das Wahlprogramm beraten und beschlossen.

Zu den Vorbereitungen des Wahlkampfs gehört die Diskussion um Inhalte und Ziele der Partei für diese Landtagswahl.

Wir wollen aber nicht nur zur Sache sprechen, sondern auch zu den Menschen, wie es beim polnischen Satiriker Stanislaw Jerzy Lec sinngemäß heißt.

Kurt Tucholsky appelliert: „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf“ und fuhr fort: „Wer schludert, der sei verlacht.“ (Mir fehlt ein Wort! In: Die Weltbühne, 17.09.1929, Nr. 38).

Es lohnt darum ein sprachlicher Blick auf unseren Programmentwurf.

Die häufig vorkommenden Füllwörter und Wortwiederholungen gehören hier eher zu den gängigen Schwächen von politischen Programmtexten. Dabei sind Füllwörter hier und da geeignet, den Text gefälliger zu machen. Auch Wortwiederholungen können gezielt ein rhetorisches Mittel sein.

Vereinzelt gelingt den Autor*innen sogar amüsanter Unsinn. So heißt es in Zeile 315 des Programmentwurfs: „Damit verbunden ist eine dringend erforderliche Verminderung von gesundheitsgefährdenden Abgasen und klimaschädlichen Emissionen. Die Reduzierung der Notwendigkeit des Individualverkehrs spielt dabei eine zentrale Rolle.“

„-ung“ und „-keit“ feiern hier fröhliche Feste. Der zweite Satz sagt tatsächlich, dass die LINKE die Notwendigkeit reduzieren möchte.

In Zeile 418 gelingt laut unseren Autor*innen der Landesregierung etwas Grandioses, sie kürzt den Menschen die Zukunft („Obwohl sich die Steuereinnahmen spürbar erhöht haben, kürzt die Landesregierung unter den selbst gesetzten Vorgaben der „Schuldenbremse“ und der „Schwarzen Null“ die Zukunft der Menschen im Land Hessen.“)

Außer den Füllwörtern und den Wortwiederholungen prägen der Nominalstil und Sätze im Passiv den Programmtext.

Im Nominalstil, der Sprache der Bürokratie, hofft man fälschlich mit gestelzten Substantivierungen, seinen Argumenten mehr Nachdruck zu verleihen.

(Beispiele: „Damit verbunden ist eine dringend erforderliche Verminderung von gesundheitsgefährdenden Abgasen und klimaschädlichen Emissionen. Die Reduzierung der Notwendigkeit des Individualverkehrs spielt dabei eine zentrale Rolle“, oder: „Wir wollen, dass auch der Ankauf von Steuer-CDs als Mittel der Verfolgung von Steuerkriminalität von Hessen betrieben wird“). Wir könnten ja auch wollen, dass Steuer-CDs gekauft werden, um Steuerkriminelle zu verfolgen.

Sätze im Passiv (die Leidensform) sind in gesellschaftspolitischen Texten häufig. Im Passiv dominiert der Prozess über den Menschen, der zum Objekt wird (Beispiel: „Zusätzliche Steuereinnahmen entstehen, wenn unsere Forderungen zur Steigerung der Einkommen der Beschäftigten insbesondere Mindestlöhne, ein Tariftreuegesetz, welches seinen Namen verdient und weitere Arbeitsmarktmaßnahmen durchgesetzt werden.“).

Vom Philosophen Ludwig Wittgenstein stammt der Satz: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Als emanzipatorische Partei haben wir offenbar einiges zu tun, um unsere Grenzen zu erweitern, damit der Satz nicht eines Tages heißt: „Als emanzipatorische Partei besteht für uns die Notwendigkeit, dass zur Aufhebung der Begrenzung unserer Grenzen deren Erweiterungen vorgenommen werden.“

 

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