Don Quixote ist tot

„..Mein Verstand ist frei und klar und jener dicken Nebel los, die die armselige und fortgesetzte Lesung der abscheulichen Ritterbücher auf ihn geworfen hatten. Ich sehe jetzt ihren Unsinn und ihre Verworfenheit ein, und es kränkt mich nur, daß diese Enttäuschung so spät gekommen ist, daß mir keine Zeit übrigbleibt, es wiedergutzumachen und andere zu lesen, welche das Licht der Seele sind. … Er wendete sich hierauf zu Sancho und sagte zu ihm: »Vergib mir, Freund, daß ich dir Gelegenheit gegeben habe, ebenso töricht zu erscheinen als ich, daß ich dich in Irrtum gestürzt, in welchen ich selber stürzte, ….«

(“Wie Don Quixote krank wurde; von dem Testamente, welches er machte, und von seinem Tode.” Aus “Miguel de Cervantes Saavedra: Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha”, letztes Buch)

Don Quixote ist tot

Viel Unterschiedliches war nach der Bundestagswahl und ihrem desaströsen Ausgang für die DIE LINKE an Ratschlägen zu lesen aus den Reihen der Genossinnen und Genossen. Manche schlossen sich zu Gruppen zusammen, manche forderten radikale politische Konsequenzen, manche übten sich im, in unseren Reihen wohl nicht ausrottbaren Personenkult (mit dieser oder jener Person an der Spitze wäre Alles besser gekommen), andere forderten gar „Programmtreue“ um Denkprozesse lieber gleich zu verhindern, wieder andere setzen auf  Beratung und Analyse von außen, was andere, sich wohl im Besitz des Roten Steins der Weisen wähnend, gleich wieder verwarfen.

Einfach unersetzlich…

In Einem aber waren sich Alle einig: DIE LINKE sei heute wichtiger denn je! Die einen begründeten es mit den zu erwartenden sozialen Grausamkeiten der Ampel-Koalition, die anderen mit der generellen historischen Notwendigkeit einer sozialistischen Partei. Ersteres gehört zu unserer genialen Taktik den Menschen kommende Grausamkeiten anzukündigen, die nur durch die Unterstützung unserer Partei noch verhindert werden können (DIE ZEIT, 14.10.21: Wie optimistisch sind Sie, dass sich ihr eigenes Leben in den nächsten Jahren positiv entwickeln wird?  64% sehr/eher optimistisch – irgendwie folgen uns die Leute da aber nicht). Das Zweite erinnert eher an die Sichtweise einer gläubigen Gemeinde als an Politik.

Und schon sind wir bei dem Mann aus la Mancha. Auch er machte sich auf, das Böse zu bekämpfen, das Gute zu tun. Er stritt gegen Windmühlen, die er für dämonische Riesen hielt, gegen Hammelherden als seien es feindliche Heere. Er rang mit Rotweinschläuchen in angeblich blutigen Gefechten. Wollte Jungfrauen befreien – ach, es waren Prostituierte. Alles in Allem fühlte er sich in seinem Kampfe und wie und gegen wen er ihn führte unersetzlich. Aber leider sah nur er es so. Selbst sein Knappe Sancho Panza folgte ihm nur um späteren materiellen Dank. Der Rest der Leute hielt ihn schlicht für einen Narren. Nun sagt man ja, der Narr sei sich selbst genug. Das ist aber keine gute Rolle in der Politik.

…oder doch nicht?

Denn schauen wir uns die Zahlen an: Nur noch 4,9% der WählerInnen hielten uns für wichtiger denn je. 95% fanden also wir liegen falsch bzw. andere für besser geeignet, ihre Interessen zu vertreten. Bricht man das Ergebnis auf die Wahlberechtigten um, ist es noch vernichtender. In Westdeutschland wären es noch 2,2% die uns die Stimme gaben. (Und wenn alle hätten wählen dürfen für die wir es fordern – es wäre noch katastrophaler gewesen.) An Kompetenzen in den wichtigen gesellschaftlichen Fragen billigen uns die Leute durchweg Werte in niedrigen 1-stelligen Bereich zu. Also, es ist an der Zeit einmal radikal realistisch zu hinterfragen wo, wie, wann wir uns nicht nur im eigenen Verständnis für unersetzlich halten, sondern dies auch die Leute so meinen. Denn die scheinen recht gut ohne eine sozialistische Partei der konsequenten Opposition zu Recht zu kommen. Vielleicht fragen wir mal nach im Land Berlin (hoffentlich), Mecklenburg Vorpommern (hoffentlich), Thüringen, der Hanse Stadt Bremen und in den Landkreisen und Kommunen wo DIE LINKE Verantwortung trägt und nicht bloß Opposition ist oder gar nicht im Parlament.

Grundsätze in Frage stellen

Wieder zurück zu unserem Windmühlen Bekämpfer: Auf dem Totenbett stellt er fest, daß seine Lektüre der „abscheulichen Ritterbücher“ ihm den Geist vernebelt hätten. Ihn also von realistischem Tun abgehalten hätten. Jede und Jeder von euch, geneigte LeserInnen, mag nun für sich überdenken um welche Bücher es sich im Einzelnen im Falle unserer Partei handeln mag. Ich für meinen Teil bin etwas rigoroser: Wenn DIE LINKE sich weiter hin nicht an politischen Realitäten (wie dem Gramscischen Alltagsverstand oder der Abneigung der Leute gegen einen grundsätzlichen Umsturz der Verhältnisse … ) orientiert, sich mit Absonderlichkeiten wie bei der Afghanistan Abstimmung meint hervortun zu können, ohne das die Leute dankend abwinken, so sehe ich das Totenbett schon heran rollen und die Entschuldigung für die Irrtümer wird wieder einmal zu spät kommen.

Tom Strohschneider hat in diesem älteren Beitrag die Fragen noch etwas grundsätzlicher gestellt: Können wir wirklich sicher sein, daß der sich selbst als real bezeichnende Sozialismus nur das traurige Zerrbild einer prima Idee war oder nicht doch das, was bei der Umsetzung der Ideen in die Praxis tatsächlich herauskommt? Ob nicht wichtige Parameter für die Realisierung des Sozialismus gerade vorübergehen (Industrialisierung und Massenarbeiterschaft, nationalstaatliche politische Räume) bzw. der Kapitalismus durch Umverteilung wirtschaftlichen Wachstums eine Integration immer weitere Teile der Bevölkerung erreicht (77% der WählerInnen der LINKEN bei der Bundestagswahl bezeichneten ihre wirtschaftliche Lage als mindestens gut. Bei den WählerInnen der anderen Parteien sind es jeweils über 80%)?

Auch darüber müssen wir nachdenken wollen wir uns nicht nur rechnerisch aus der Politik verabschieden.

P.S.: Ich sehe fragende Gesichter. Ja, aus dem Vorangegangenen lässt sich nicht die Antwort auf die Frage nach der Schwäche der LINKEN mit einem einfachen Rezept für die Besserung beantworten. Nein, vielmehr tut sich die Frage auf: Ist eine Partei wie die unsrige Teil der Lösung oder Teil des Problems? Und wen interessiert das noch? Und überhaupt und das geht an die führenden GenossenInnen mit dem Blick fürs große Ganze, die die Partei dahin geführt haben, wo sie jetzt ist, beschwert ihr euch jetzt allen Ernstes bei Sancho Panza, dass er für euch nicht parat hat, wohin es gehen soll?

Dieter Storck, November 2021