Die ländlichen Regionen sterben nicht

Einige Anmerkungen

Von Michael Riese

Ende Juli legt die AG Struktur- und Wohnungspolitik in Hessen der LINKEN unter dem Titel: „Lebendige Dörfer, sozial ausgeglichene Ballungsgebiete“ einen Text vor, der politische Vorstellungen gegen die vermeintliche Verödung der hessischen Flächenkreise formuliert.
Papier_Wohnen7.pdf

Dazu einige Überlegungen.

Zweifellos verlassen vor allem junge Menschen das Land und gehen in die größeren Städte, jedenfalls mehr, als junge Familien aufs Land ziehen. Allerdings sind die hessischen Flächenkreise, selbst die sehr strukturschwachen weit vom Zustand der Verödung entfernt.

Die LINKE sollte nicht in den verbreiteten demografischen Alarmismus hereinfallen.

Für die Betrachtung der Probleme ist es nicht ganz unerheblich, dass es nicht nur die Ballungsräume und die Dörfer gibt. Man darf dazwischen die etlichen Kleinstädte auf dem Lande nicht außer Acht lassen. Die Widersprüche entfalten sich zwischen Stadt und Land und zwischen Dorf und Kleinstadt.

Der Text spricht von Landflucht und fragt, was man dagegen tun kann, dass Menschen aus dem ländlichen Raum in die Städte ziehen. Mit der negativen Bezeichnung der Landflucht ist schon ausgemacht, dass der Wegzug etwas Missliches sei. Aber ist das so? Zunächst mal sind für die deutsche Volkswirtschaft dünner besiedelte Gebiete gar nicht zwingend ein Problem.
„Haben Sie in der allgegenwärtigen Debatte zur Bevölkerungsentwicklung und der wegen der Geburtenentwicklung angeblich so dramatischen Situation schon einmal vergleichende Studien über die Bevölkerungsdichte gesehen? Wahrscheinlich nicht Deutschland ist mit etwas unter 230 Bewohnern pro Quadratkilometer fast doppelt so dicht besiedelt wie Frankreich (118). Darüber spricht man nicht, weil der Vergleich der Bevölkerungsdichte die Dramatik aus der Debatte um das Schrumpfen nehmen würde“ (Albrecht Müller – Nachdenkseiten).

Jugendliche aus den Dörfern und Kleinstädten, hier vor allem die Frauen ziehen in die Stadt. Das ist nicht verwunderlich, weil es auf dem Lande nicht viele anspruchsvolle Jobs gibt und schon gar nicht die Ausbildungsangebote. Ferner wollen sich Jugendliche der hohen „sozialen“ Kontrolle kleiner Kommunen entziehen, wo jeder jeden kennt und ziemlich alles weiß. Ist nicht eigentlich wünschenswert, wenn junge Menschen zunächst die Enge der „Provinz“ verlassen und auf eigenen Füßen stehen?
Man wird den Wegzug junger Menschen nicht verhindern und öffentlich finanzierte Programme, dies zu versuchen können sogar kontraproduktiv sein.

Ist nun das Arbeitsplatzangebot der Grund für die Landflucht und brauchen wir öffentlich finanzierte Programme, um Arbeitsplätze aufs Land zu bringen. Im Text heißt es: „Entscheidend für eine aktive ländliche Strukturpolitik ist die Sicherung und Neuansiedlung von Arbeitsplätzen auf dem Land. Eine aktive Wirtschaftsförderung, Hilfen, wie zinsverbilligte Kredite (z.b. durch die KfW-Bank) oder eine hessenweit ,koordinierte Wirtschaftsförderungspolitik sind nötig“.

Ein altes englisches Sprichwort sagt, dass der Kutscher die Gäule nicht zweimal anspannt, nur weil das Heu billig sei. Das trifft auf die meisten Wirtschaftsförderungsprogramme für Investitionen und Schaffung von Arbeitsplätzen auch zu. Nur wegen öffentlicher Förderung verlegt niemand die Firma in den Vogelsberg. Da müssen weitere Kriterien sein.

Wichtig ist vor allem, dass es ausreichend qualifiziertes Personal gibt und dass es gelingen kann auch Personal anzuwerben. Das heißt aber, dass die Region vor allem attraktiv sein muss, damit Fachkräfte überhaupt kämen. In der einen Region mit der Familie zu leben und in einer anderen zu arbeiten ist heute nicht mehr ein großes Problem. Zum Teil entfernen sich Menschen ganz gezielt den Ballungsgebieten, in denen sie arbeiten und die den Rhythmus der Arbeit insgesamt ausstrahlen.

Die zentrale Frage für die Entwicklung auf dem Lande bleibt, ob die Dienstleistungen und Angebote der Kommunen erhalten werden können, auch wenn die Bevölkerungszahlen sinken. Das ist die grundsätzliche Frage nach einer Umlagenfinanzierung der ländlichen Kommunen, quasi der Nachteilsausgleich, damit diese weiterhin die öffentlichen Ausgaben leisten können.