Die GRÜNEN, ihr Eigenheim und wir

Eine Polemik

Von Dieter Storck, 23.02 2021

Beinahe wäre es passiert: Die GRÜNEN wieder als Verbotspartei entlarvt. Diesmal nicht mit dem Veggie-Day, sondern mit dem Verbot des Ein-Familien-Hauses. Man konnte an der Hektik mit der die Partei auf die Vorwürfe nach dem Hofreiter Interview im Spiegel reagierte erkennen, welche Sorge sie trieb. Nicht die Tatsache, dass die GRÜNEN gar nicht versuchen zu tarnen, dass sie selbstverständlich auch mit der CDU/CSU ins Regierungsbett gehen würden, nicht ihre Zustimmung zum Autobahnbau durch den „Danni“ treibt den GRÜNEN Strategen den Angstschweiß vor den WählerInnen auf die Stirn oder das sie bei diversen anderen politische Beliebigkeiten erwischt werden. Nein, es ist vielmehr die Sorge, es könnte der Eindruck entstehen, dass sie wenigstens an einer Stelle ihren Klimaschutz Anspruch rigoros und mit Bereitschaft zum Konflikt mit einem potentiellen WählerInnensegment eingefordert hätten. 

Also nicht mangelnde Konsequenz fürchten die GRÜNEN, sondern das Gegenteil. Das würde natürlich so nicht stattfinden, wenn nicht die Wählerklientel der GRÜNEN genau das wollte. SUV fahren ist schon irgendwie ok., schließlich müssen die Kinder ja sicher zur Schule und zum Ruderverein gebracht werden. Fleischessen ist auch ok. Hauptsache aus tierfreundlicher Haltung, genfrei und Bio. Das kostet zwar, aber für die Umwelt und das Tierwohl gibt man gerne, weil man‘s kann. Kurztrips per Flugzeug, … wie soll man denn sonst übers Wochenende wg Kultur nach Florenz kommen? Die Eigentumswohnung im Frankfurter Nordend – aber dafür unterschreibt man beim Mietenentscheid. 

Und da drängt sich die Frage doch auf: Woher kommt diese Faszination für das neue Biedermeier? Vielleicht finden wir die Antwort hier: „Wenn man ein bisschen was vor sich gebracht hat, dass erhalten sein will, so kann man nicht an alles denken…“ (Ibsen, „Der Volksfeind“). Das wäre quasi der ökonomische Unterbau. Aber wie wir wissen, gibt es ja noch den Überbau, der manchmal sogar wirkmächtiger ist. Man hat sich eingerichtet. Nicht zuletzt im Kompromiss. Im Beruf, in der Ehe, in den Plänen für die Zukunft, im Leben überhaupt. Man hört sie fast rufen, die GRÜNEN DurchschnittswählerInnen: „Keine Experimente!“. Einmal Mitglied beim KBW bzw. Bhagwan-Jünger, das reicht an Experimenten. Und insofern kommt die GRÜNE Partei z. Zt. ganz nach ihren Wählern. 

Und immer, wenn ich das GRÜNE Führungsduo sehe, ganz besonders in ihrem „Parteitags- Wohnzimmer“.

Muss ich unwillkürlich an den revolutionären Vormärz-Dichter Ludwig Pfau denken, der bereits 1847 ein Gedicht mit dem Titel „Herr Biedermeier“ verfasste. Es beginnt mit den Zeilen:

  „Schau, dort spaziert Herr Biedermeier

    und seine Frau, den Sohn am Arm;

    sein Tritt ist sachte wie auf Eier,

    sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.“

Und was hat DIE LINKE dem entgegenzusetzen? Eher das umgekehrte Unmaß. Der Parteivorsitzende springt auf den Eigenheim-Verbotszug auf. Ja, derselbe wollte auch schon die Automobilindustrie in Volkes Hand bringen. Eine der designierten Parteivorsitzenden, Abtrünnige einer trotzkistischen Kleingruppe, klärt darüber auf, dass es keine Koalition gäbe wg. Auslandseinsätze aus Prinzip! (Was scheren uns UN Mandate? Was schert uns die Not der Leute vor Ort?)

Jetzt müsste DIE LINKE nur noch die WählerInnen finden, die mit gleicher (Wort-)Radikalität den Kompromiss ablehnen. Aber ach, da sieht es, was es die Kompatibilität zwischen Partei und WählerInnen angeht, ganz schlecht aus („Des Wählers Herz, Emotionale Parteienbewertung aus repräsentativen und qualitativen Umfragen, Viola Neu, Konrad-Adenauer-Stiftung): 24% der LINKEN WählerInnen können sich vorstellen, die SPD zu wählen. 20% die GRÜNEN. Und insgesamt: „Kompromiss wird als wichtig empfunden und mit aufeinander zugehen und sich einigen umschrieben.“ 

Zum Schluss: Mir als LINKEN könnte es ja im Prinzip egal sein, was die GRÜNEN so treiben. Aber das wäre zu kurz gedacht, ohne diese Partei wird es nichts werden mit einer progressiven Mehrheit links der CDU. Und erst recht meine Partei, das geht mich schon einiges an. Und da bin ich voller Sorge, denn ohne uns wird es auch nichts mit der progressiven Mehrheit. Und das bedeutet, dass es vielen Menschen in diesem Land schlechter geht, als es sein müsste. Aber das es ihnen bessergeht, das sollte doch eigentlich unser Ziel sein. Herbert Wehner hat das mal gut beschrieben: „Die Sozialdemokratische Partei hat eine Idee; das ist die Idee von einem Gemeinwesen, in dem das Menschenmögliche an sozialer Gerechtigkeit verwirklicht wird“. Da die SPD diesen Job weitestgehend aufgegeben hat, wäre das doch was für uns. 

Ein Letztes noch: Zeitgleich zum Biedermeier, entwickelte sich der Vormärz. Dann kam die 1848 Revolution. Ging zwar erbärmlich schief, aber immerhin: In diesem Jahr erschien auch das Kommunistische Manifest.